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Titel

Die Sirene



Die Novelle Die Sirene (1980) ist Wellershofs erfolgreichstes Buch. Zunächst erscheint es uns wie eine Telefonsexgeschichte. Das liegt im Zeitalter der Babbelboxen und o6-Nummern nahe.Und natürlich ist sie das auch: " Ich liege auf meinem Bett. Ich bin nackt. Aber mir ist ganz heiß," flüstert eine Frauenstimme aus der Telefonmuschel. Das mag ein bißchen geil sein, aber es ist banal.

Der leser, der weitere pornografische Einzelheiten erwartet, geht leer aus. Das erotische Element spielt zwar im Laufe der Erzählung eine erwachsende Rolle, aber die Versuche Elsheimers, der Hauptfigur, zu einer wirklichen körperlichen Begegnung mit der Frau zu kommen, die er nur als telefonstimme kent, werden von ihr hysterisch abgewiesen. Er solle doch zu einer Hure gehen, sagt sie. "Geh zu ihr. Denk, daß ich es bin. Mach alles mit ihr, was wir uns erträumt haben." Elsheimer tut das schließlich, und der einzige reale Sexualakt in der Geschichte dienst ihm gerade zu Befreiung ("Entwohnungskur") von der Sirene. Leidet die "Sirene" an einer Sexualneurose, hat sie Angst vor Sex?

Die sexuelle Versuchung Elsheimer ist ein Instrument des dä-monischen Zaubers der Sirene. Sie setzt dieses Instrument ein, um ihn an sich zu binden, und er läßt sich "entrücken". "Die Entrückung", wie das zweite Kapitel der Novelle heißt, reißt Elsheimer aus seiner Vernunftexistenz. Der verführerische Gesang aus dem telefon is eine Verheißung, die ihn mehr und mehr ergreift.

Den Kontrast dazu bildet sein normal geordentes Leben mit Beruf, Frau und zwei Töchtern. Brita, seine Frau, ist gleichfalls Wisssenschaftlerin, hat aber zugunsten seiner Karriere auf Beruf verzichtet. " Sie hatten alles durchdacht und durchschaut, und sie kamen gut miteinander aus." Alltag und Ge-wöhnung dominieren. "Seltener als früher rückten sie im Bett noch aneinander und fanden sich in eine gewohnte Umarmung hinein."

Diese Polarität zwischen der bedrohlichen Geslechtigkeit der verführerischen Sirene und der gesellschaftlich funktionalisierten Weißlichkeit der Ehefrau ist auch ein Thema dieser Novelle. Es kehrt in Wellerhoffs Werk ständig wieder und ist - als "falsche" Alternative - vor allem von feministischer Seite kritisiert worden.Aber schauen wir uns einmal an, wie die oben zitierte Telefonsex-Szene nach "mir ist ganz heiß weitergeht:

[K]omm ganz zu mir[...]," flüsterte die Stimme, und mit jedem Wort drang sie tiefer in ihm ein,besetzte seinen Körper, lähmte, überwältigte seinen Widerstand, zwang ihm ein Stöhnen ab, das nicht zu ihm gehörte, und mitten im Taumel seiner Auflösung krümmte ihn die Demütigung seiner Niederlage." Dieses eEindringen, Besetzen, Lähmen, Überwältigen und Demütigen umfaßt mehr als Ausbruch aus der Gewöhnung des Ehelebens. Es betrifft und bedroht die ganze Persönlickeit, die Identität Elsheimers. Es ziehlt auf Auslöschung.

In dieser Novelle wird die oben im ersten Abschnitt beschriebene "Irritation" zum personifizierten Leimotiv der ganzen Erzählung. Dirch den Titel der Novelle und durch die zwei Zitate, die wellershoff ihr als Motto voranstellt, macht erdeutlich, was er vorhat: eine neue, moderne Erzählung dees antiken Mythos der Sirenen und eine Reflektion des Wesens der Literatur, das er im Gleichnis des Sirenengesangs zu fasen sucht.

Der Novelle vorausgegangen ist für Wellershof eine theorethische Beschäftigung mit der Alte Sage. In seinem Essay Der Gesang der Sirenen (1973) berichtet er davon.Er kommt dabei von den psychologischen auf die literaturtheoretischen Aaspekte des Themas. An anfang zitiert er eine einfache Geschichte: jemand "erwartet den Besuch eines Freundes und hat eine Flasche Rotwein zun Anwärmen neben den kamin gestellt. Der Freund sagt ab, und sogleich sieht das Zimmer stiller aus, und die Flasche steht neben dem Kamin wie verloren. Das ist einer der Momente, in denen man den Gesang der Sirenen hören kann. Er beginnt erst, er ist noch kaum zu bemerken. Er ist diese Verstärkung des Ausdrucks, die befremdliche Geladenheit und das Hervortreten der gewöhnlich unauffaloligen Dinge. Auch das ist schon eine Andeutung von Gefahr."

Am ende des essays gibt er Beispiele von Schriftstellern, die in 'Einsamkeit" und "Tödesnähe" ihre "gesellschaftliche Entfremdung" darstellen: "Das hero"ische Vorbild aller dieser liegenden, kranken und träumenden Gestalten ist der kranke Marcel Proust, der, abgeschnitten von Leben, das Riesenwerk seiner Suche nach der verlorenen Zeit schreibt. "Dem entspricht die Ausgangssituation der Sirenenovelle: Elsheimer, der Pädagogikprofessor, der in gutbürgerlichen, geordenten Verhältnissen lebt, sitzt lustlos am schreibtisch und kommt nicht weiter beim Schreiben seines Buches über " Selbsterkenntnis oder über die entstehung des Ichs". In diesem Moment ruft sie an. Sie erhält die ganze Erzählung hindurg keine Namen. Sie bleibt Telefonstimme und Imagination. Ihre Klage über den Verlust ihres Geliebten, ihr Leiden und ihr wahnhafter Identitätsverlust, in dem sie sich in wochenlangen Anrufen an ihn wendet, löst bei Elsheimer eine eigene identitätskrise aus, die ihn an die Sirene bindet wie eine Sucht. Sie erhält auch kein Gesicht.' "[..] ichh habe überhaupt kein Bild von Ihnen," sage Elsheimer.[..Und sie:]" Das ist gut so. Sie können sich so alles vorstellen, was sie wollen."' Und später:'"Ich will dich wirklich sehen. Kannst du nicht herkommen?"' "Nein," sagte sie, "ich kann nicht."

Der innere Zustand Elsheimers wird immer wieder auch durch seine Art der Wahrnehmung der Natur um ihn herum beschrieben. Das - einige dutzendmal vorkommende - Leitmotiv dafür ist der Schnee, der zum Bild für Elsheimers Ziellosigkeit und zugleich für seine Suche und die drohende Auslöschung wird: "[D]ie Flocken schienen wie ein graues Flirren aus der Luft hervorzugehen, und erst wenn sie näherkamen [...] wurden sie weiß und sanken so, langsam und gleichmäßig, wie an unsichtbaren Fäden, zur Erde, wo das ganze Luftgespinst wie eine Einbildung verschwand. Scheinschnee, dachte Elsheimer." Aber Elsheimer wünscht sich Schnee:"Alles sollte draußen weiß sein, weiß und still, eine tiefe, unbegangene Schneedecke sollte das Haus umgeben." Und später, in Hamburg, wieder: "Schnee. War es der Schnee? Machte der Schnee es nur deutlicher? Er suchte etwas und war auf sich zurückgeworfen. Er fand sich fremd bei sich selbst und strebte unruhig von sich fort. Er suchte etwas, von dem er wußte, daß es für ihn nicht da war. Es war nicht da, weil er es nicht benennen konnte." Die Schneebilder spielen die ganze Palette des Sirenengeflüsters bis zum Todeswunsch durch: "Bleib hier, sagte de Schnee, hier in der Stille, in der Sanftheit, [...] laß dich zudecken, das willst du doch. Niemand kommt, niemand sieht es, du kannst es einfach tun."

Aber auch andere Bilder dienen Wellershoff dazu, dasselbe auszudrücken, z.B. die sich begegnenden Schiffe im Nebel der Elbmündung die sich mit Nebelhörnern (Sirenen!) zu erkennen geben: "[D]ie flachen, vollbeladenen Schiffsleiber verschwnammen, sobald die Augen ermüdetem. ,ot der wasserfläche, als seiensie versunken. Himmelsgrau und Meeresgrau, kaum unterscheidbar, bildeten zusammen das Innere eines riesigen Schlundes, der gegen das Ufer aufklaffte und aus dessen Tiefe wieder diese melodischen Bässe ertönten."

Diese Bilder umrahmen die Beschreibung der zentralen Telefonsirene, durch deren Lockung Elsheimer fortschreitend in seiner Identität verunsichert wird. "Die Wirklichkeit verlor ihre Substanz, und der Traum trat an ihre Stelle. Er schlief nicht mehr mit seiner Frau, er lauschte nur noch den fremden Worten und ihren täuschenden Versprechungen. Mehr und mehr verlief er sich in dem magischen Niemandsland, in das die Stimme ihn hineinrief." Nach dem 'Rufen' und der 'Entrückung' lautet das dritte Kapitel der Novelle 'Der Kampf'. Die Befreiung von der Sirene wird eingeleitet durch Elsheimers Besuch im Bordell. Schon die Erfahrung der Banalität des pornografischen auf dem Videoschirm formuliert die Frage in ihm: "War es das, dachte Elsheimer, wollte ich das haben? War es das, da, wovon wir gesprochen haben?" Die Abtötung der erotischen Macht der Sirene geschiegt durch die ernüchternde Wirklichkeit der kleinen 'Kindnutte':"Ihr Körper war ausdruckslos und schlaff." "In ihrem kleinen Gesicht sahen die aufgerissenen, schwarz ummalten Augen wie die Augen einer dämonischen Puppe aus. Nein, sie war ein zappelnder, nackter Harlekin, der sich auf ihm abmühte." Übrigens: auch der Schnee verschwindet in diesem Kapitel. "Als sie nach Hause kamen, setzte das Tauwetter ein. Der Schnee gab den verborbenen Abfall frei und schmolz zu kleinen schmutzigen Haufen zusammen." Aber er tut das sozusagen nicht ohne Gegenwehr: Dachlawinen stürzen in die Straßen, Schneemassen prasseln in die Hinterhöfe. Für Elsheimer, der bezeichnenderweise auch seine Einstellung zum Schnee geändert hat, ist das eine große Erleichterung:"Wie gut, dachte er, weiter, die ganzeNacht könnte ich zuhören."Die eigentliche 'Drachentötung' erfolgt eine Woche später, beim nächsten Anruf der Sirene, für die er sich jetzt endlich eine 'vernünftige' Erklärung zurechtgelegt hat: sie ist eine Neurotikerin. Der rationale Schritt erleichtert ihm die Befreiung. "Es ist Schluß," sagt er. Sie verliert ihre Sprache, "gurgelte wirklich wie eine Ertrinkende.[...] Endlich blieb es still." Dieser Schluß ist für Elsheimer eine Rückkehr zur Normalität, aber kein Sieg. "Der Alltag begann. Oder wie sollte er es nennen? Das endliche Erwachsenwerden, das beginnende Alter, die Vernunft? Dieser Tisch da voller Papiere, darauf mußte er sich einstellen." Durch das Schweigen der Sirene wird er wieder schreiben können. Schreiben als Ersatz für Leben. Das ist auch die Aussage Wellershoffs zur Existenz des Schriftstellers. Aber das kostet seinen Preis. Der letzte Satz der Novelle lautet: "Warum fühlte er sich so leer?"



Die Hauptpersonen sind

Professor Elsheimer er hat ein geordnetes Leben, eine Frau und zwei Töchtern, er ist ein bißchen langweilig, aber er liebt auch die Aufregung eine andere Beziehung

Frau Brita Elsheimer sie ist Wissenschaftlerin, sie hat zusammen mit ihrem Mann ein Heirat wo Alltag und Gewöhnung dominieren die Sirene sie ist eine Frau die Telefonsex liebt, aber vielleicht an einer Sexualneurose leidet



Das Buch heißt "Die Sirene" und hat keinen Undertitel. Der Herausgeber ist Wolters-Noordhoff. Das Buch erschien zum ersten mal in 1980.



Dieter Wellershoff

Dieter Wellershoff ist einer der produktivsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit Mitte der sechziger Jahre erscheinen von ihm jährlich meist mehrere literarische Arbeiten: Romane, Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Drehbücher für Film und Fernsehen, Essays. Wie kein anderer fühlt er sich in all diesen Gattungen gleichermaßen zuhause.

Wellershoff wurde 1925 in Neuß am Rhein geboren. Heute lebt er in Köln. Er gehört zu der Generation derer, die als Jugendliche im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen sind uknd am Kriegsende gerade 20 Jahre alt waren. Wellershoff hat sich in verschiedenen autobiographischen Schriften zur Problematik dieser Generation geäußert (Die Arbeit des Lebens. autobiographische Texte (1985)).

Die Nazipropagandea und die anfänglichen Erfolge der deutschen Truppen prägten seine Jugend: "Hoffentlich dauert dieser Krieg so lange, daß wir auch nog Soldat werden." In seinem Essay Deutschland - ein Schwebezustand (1979) berichtet Wellershoff über diese jZeit: "Deutschland war für uns eine Phantasmagorie die von den germanischen Heldensagen über die Stauferkaiser bis zu Bismarck und Hitler reichte. Alles, was dem Leben Glanz gab, trug diesen Namen. Hitler allerdings irritierte uns. Er paßte nicht in das Bild des Heldischen und Deutschen."

1943 wurde Dieter Wellershoff, noch als Schüler, erst zum Arbeitsdienst und dann zum Militär einberufen. An der Front in Litauen erhielt era im Winter 1944 einen Beinschuß und kam ins Lazarett. Der Krieg war für ihn aus. "Ohne mich" lautete die Formel der Überlebenden, die damals in Deutschland die Uniform auszogen, um nie wieder eine anzuziehen, auch keine innere Uniform mehr, keine kollektiv verordnete Weltanschauung, keine Ideologie.Manhatsiespäter die "skeptische Generation" genannt.

1946 holte Wellershoff seinen Schulabschluß nach und studierte in Bonn Deutsch, Psychologie und Kunstgeschichte. Anders als bei der ein Jahrzehnt älteren jGeneration, zu der Heinrich Böll und Alfred jAndersch gehörten, wurden der Krieg und die Verarbeitung der deutschen Schuld nicht zum großen Thema des Schriftstellers Wellershoff, der im Laufe der fünfziger Jahre zu schreiben begann.



Erst mit siebzig Jahren veröffentlichte er eine viel beachtete Schrift, die den Krieg zum Thema machte: Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges (1995). Wellershoff plädierte Mitte der sechziger Jahre für einen "Neuen Realismus" in der Literatur. Seine Ideen dazu formulierte er in mehrerer Essaybänden, die parallel zu den literarischen Arbeiten erschienen sind, z.B. Literatur und Veränderung (1969), Literatur und Lustprinzip (1973) und Die Wahrheit der Literatur. Gespräche (1980).

Während um ihn herum die aufgeregte 68er-Bewegung nach 'gesellschaftsbezogener Literatur' rief oder gar vom 'Tod der Literatur' sprach, hielt Wellershoff unbeirrta an einem psychologisch orientierten Erzählrealismus fest. Er war damit Teil einer kleinen Grundströmung der deutschen Literatur, die insbesondere vom französischen Nouveau Roman (z.B. Alain Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute) beeinflußt war. In der deutschen Literatur verbinden sich damit z.B. die Namen Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann und auch der Österteicher Peter Hande. In den sechziger Jahren noch unzeitgemäß, erhielt diese Richtung im Laufe der siebziger Jahre unter dem Stichwort 'Neue Subjektivität' viel Aufmerksamkeit.

Das Thema des neuen Realismus ist die 'Wahrnehmung': wie entsteht aus der chaotischen Vielfalt unserer Sinneswahrnehmungen der geordnete Sinn der menschlichen Lebenswelt? Die anthropologische Forschung gibt hierauf eine Antwort: die Grundlage für Wahrnehmung und Erkenntnis erlangen wir durch Reduktion der Vielfalt, also durch Vereinfachung. Bei der Einübung menschlichen Verhaltens in früher Kindheit erlernen wir einfache Deutungsmuster, die uns die Orientierung in der Welt und in der Gesellschaft ermöglichen. Diese Grundmuster differenzieren sich zwar im Laufe des Erwachsenwerdens zu komplizierten kulturellen Mustern, bleiben aber in ihrer Grundstruktur erhalten. Sie sind uns zum großen Teil nicht bewußt. Sie steuern unser Verhalten. Um überhaupt mit der Welt zurechtkommen zu können, verfügen wir über diesen alles ordnenden und deutenden Mechanismus.

Laut Wellershoff schaffen wir uns eine künstliche Überschaubarkeit:'Ich setze voraus, daß die meisten Menschen in einer Künstlich harmonisierten Welt leben. Störungen dieses Bildes irritieren sie, faszinieren sie allerdings auch. Die werden dadurch gezwungen, sich ihre Sicht des Lebens noch einmal kritisch vor Augen zu halten und zu erweitern.'

Diese faszinierenden Irritationen, durch die die harmonisierte Welt in Frage gestellt wird, sind das eigentliche Thema und Instrument der Literaturtheorie von Wellershoff. 'Die Irritation dient der Zerstörung von engen, schematischen Vorstellungen, um mehr Erfgahrungen zu machen.' Hieraus ergibt sich für ihn der Sinn, den Literatur haben kann;realistesches Schreiben ist 'der Versuch, der Welt die konventionelle Bekanntheit zu nehmen und etwas von ihrer ursprünglichen Fremdheit und Dichte zurückgewinnen, den Wirklichkeitsdruck wieder zu verstärken, anstatt von ihm zu entlasten'. Diese Fremdheit ist schon bei kleinen Unordnungen und Störungen gegeben. Wellershoff zitiert Robbe-Grillets Beispiel:'An der Ecke des Gehsteigs brennt eine Gaslaterne, obwohl es mitten am Tage ist.' Das widerspricht den Erwartungen, das ist irritierend, das erzeugt eine Atmosphäre des Geheimnisvollen, der Spannung.



Es ist kein Zufall, daß Wellershoff sich sehr für Kriminalromane interessiert. Er hat einen langen Essay darüber geschrieben: Vorübergekende Entwirklichung. Zur Theorie des Kriminalromans (1973). 'Vom Regelsystem abweichende Mögligkeiten werden gewöhnlich abgewehrt und dringen gar nicht erst ins Bewußtsein ein. Sind sie aber doch einmal unübersehbar thematisiert worden, zum Beispiel durch einen unaufgeklärten Mord, dann setzt sich das Gefühl durch, daß die Verdrängungsarbeit nicht realitätsgerecht war. Sie hat dicht unter der Konvention eine dunkle exterritoriale Welt geschaffen, die man, um Angst zu vermeiden, auch insich selbst übersehen hat. Aber nun ist die Schranke durchbrochen und man muß mit dem wachsenden Druck des exterritorialen Bereichs fertigwerden.' Aber während im trivialen Kriminalroman alles darauf ausgerichtet ist, den "Fall" zu lösen und die Ordnung der Welt wiederherzustellen, wollen Wellershoff Romane 'die Fremdheit der Welt erhalten, um ihre Banalisierung zu verhindern'.

Die Figuren in Wellershoffs Romanen geraten in Krisen, die der Leser nachvollziehen kann, ohne ein wirdliches Risiko einzugehen, denn die Literatur ist ja ein 'Simulationsraum', eine virtual reality. Dennoch kann der Leser hieraus lernen; er lernt siene Denk- und Erfahrungsweisen zu reflektieren und zu sensibilisieren; er lernt, 'wie das lLaben spielt'. Die irrationen in Wellershoffs Erzählungen sind die Schaltpunkte, an denen die Bewußtseinsarbeit einsetzt; sie können kreative, aber auch zerstörererische Folgen haben.

Im Zusammenhang einer Erzählung kann solch eine Irritation der Mittelpunkt sein, von dem aus sich alles entwickelt, wie in Die Sirene (1980), sie kann aber auch ein durchgehendes Erzählprinzip sein wie in Die Schattengrenze (1969). Dieser Roman ist Wellershoffs intensivstes Beispiel eines 'Wahrnemungsromans' nach dem Modell des Nouveau Roman bzw. des Neuen Realismus. Er erzählt die Entstehung eines Verfolgungswahns bei einem Kriminellen. Die Erzähltechnik ist kompliziert. Raum und Zeit werden durch ständige Schnitte, die vom Bewußtseinsstrom der Hauptfigur bestimmt werden, verwirrend zerteilt. Die Arten und Intensitäten der verschiedenen Wahrnehmungstypen (Geräusche, Bilder, Gerüche, Gefühle) dienen der Beschreibung der Angstazustände der Hauptfigur. Vertraute Elemente der Lebenswelt erhalten durch die Art der Beschreibung bedrohliche Dimensionen und erzeugen ein allgemeines Gefühl von Fremdheit, Angst und Unsicherheit.

Sein nächsten Roman, Einladung an alle (1972), ist deitlicher ein Kriminalroman. Er erzählt den Fall eines kleinen Verbrechers, der versehentlich einen Polizisten erschießt. Die Zeitungen entfesseln eine hysterische Verfolgungsjagd. Wellershoff geht es um Psychologie des Kriminellen und um die Art und Weise wie die Gesellschaft darauf reagiert, wie sie die Verbrechersjagd zur Massenunterhaltung werden läßt. Typisch für Wellershoff ist, daß er die Theorie seiner Thematik in die Bausteine zu einer 'Theorie des Verbrechens' und 'Verschiedene Bausteine zu einer Theorie der Konformität'. Ähnliches, wenn auch weniger auffällig, finden wir in der Novelle Die Sirene in Gestalt der Buchpläne der Hauptfigur.

Das Motiv der Sirene, das im Zentrum von Wellershoffs gleichnamiger Erzählung steht, kehrt auch in seiner bislang letzten Arbeit wieder, der Novelle Zikadengeschrei (1995). Die äußere Handlung ist hier auf ein Minimum reduziert. Ein Ehepaar mit Tochter macht Urlauba an der spanischen Küste. Ein Vorzeichen deutet das Thema an:'In der Nacht wurde er wach, weil unten am Strand eine Sirene wimmerte.; Die männliche Hauptfigur begegnet am nächsten Tag einer Frau, die eine merkwürdige Faszination auf ihn ausübt. Das Besondere, die Irritation, ist, daß ihre eine Gesichtshälfte durch einen Schlaganfall gelähmt und entstellt ist, während die andere eine schöne und stolze Frau zeigt:"Der linke Mundwinkel war hochgezerrt und entblößte einige speichelnasse Zähne. Wie versteinert durch eine unerwartete Bedrohung, starrte er auf die bleckende Grimasse, nicht anders, als habe er in der Stille, die zwischen ihnen herrschte, ein Fauchen gehört." Aus dieser Irritation entwickelt sich das innere Geschehen, das, ganz reduziert und eingebettet in Natur- und Landschaftsschilderungen, das Spannungsverhältnis von Eros und Todesdrohung zum Thema macht. Der Autor paßt in der Strömung von das zwanzigste Jahrhundert.



Zeit

Die Erzahlzeit des Buches ist 112 Seiten.

Die Erzählte Zeit ist einige Monaten

Die Geschichte hat einen sie-erzähler
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